Informationstechnologie und Esoterik
Den ersten „Computer“ bestellte ich Anfangs der 80er Jahre bei einem Versandhändler als Bausatz. Es war der legendäre Sinclair ZX81. Klein, flach schwarz und mit einer winzigen Folientastatur ausgestattet. Einer der wenigen Computer, den man ohne Risiko für eine Runde Tischtennis als Schläger zweckentfremden kann.
Ausgerüstet war die Flunder mit winzigen 1kB Hauptspeicher, erweiterbar auf 16kB über ein Speichermodul, welches an der Rückseite angestöpselt wurde.
Als Monitor mußte ein alter SW-Fernseher herhalten, der mit seinem Gebrumme mehr Lärm machte als der stumme Rechner. Das Videosignal wurde über ein Antennkabel übertragen und wenn die Kabelabschirmung irgendwo nicht perfekt war, führte das bei TV-Empfängern in benachbarten Zimmern zu mysteriösen Effekten. Gut möglich, dass in den frühen 80er Jahren etliche paranormale Geisterbilder auf Fernsehbildschirmen von laienhaft verkabelten ZX81 verursacht wurden.
Daten und Programme wurden auf einem Kassettenrekorder abgespeichert und mußten nach jedem Neustart auch von dort wieder eingelesen werden. Im Vergleich zu dem Komfort heutiger PC-Systeme war das Ganze eine mühselige und fehleranfällige Angelegenheit. Eine zu hohe Aussteuerung beim Abspeichern konnte das Signal verzerren, eine zu geringe Aussteuerung führte zu Dropouts – dann eben nochmal von vorne.
Während des ständigen Vor- und Zurückspulens beim Kontrollieren der Fieptöne gab es dann gelegentlich Bandsalat. Die fehlerhaften Kassetten waren aber in Verbindung mit einer kraftvollen Hifi-Anlage immer noch gut genug, um nach einer Party unter den hartnäckigen Dauergästen für die nötige Abschiedstimmung zu sorgen – oder für einen weiteren Bandsalat.
Programme ließen sich damals nur mit einem primitiven BASIC-Interpreter selber schreiben oder mußten aus einer Fachzeitschrift abgetippt werden..
Fehleingaben waren da unvermeidlich und während der Suche nach DEM Tippfehler erschloss sich mir endlich der tiefere Sinn des Zen-Spruchs „Achtsamkeit bedeutet Achtsamkeit“.
Eigentlich sollte jeder halbwegs seriöse Esoterikladen nicht nur Räucherstäbchen, Klangschalen und Kristallkugeln im Sortiment führen, sondern auch einen ZX81 samt Röhren-TV und Tape-Recorder. In einem chinesischen Glückskeks verpackt dazu ein zerknittertes Programmlisting zum Abtippen und ein Koan: „Es sieht aus wie eine Null und es sieht aus wie ein großes O – was ist es?“
Auf der anderen Seite könnte Microsoft seinen neuen Betriebssystemen endlich eine Hörbuchsammlung mit Werken des Buddhismus-Experten John Blofeld beilegen. Meine Empfehlung: „Das Geheime und Erhabene“ und „Jenseits der Götter“.
Damit ließe sich nicht nur beim Erklimmen steiler Pfade zu abgelegenen Tempelanlagen, sondern auch beim Wandeln auf den holprigen Migrationspfaden von einer Programmversion zur nächsten die nötige kontemplative Balance bewahren.
