Eigentlich ist Astrologie eine ganz wunderbare Sache, um in aktuellen Krisensituationern eine ersten grobe Orientierung zu finden und zu sehen, welche Themen aktuell anstehen.
Man oder frau berechnet das Radixhoroskop, schaut nach, welche Aspekte hier am genauesten sind – sprich, den engsten Orbis haben – und berechnet im zweiten Schritt die aktuellen Transite. Mit moderner Software, die nicht unbedingt teuer sein muß, geht so was in wenigen Sekunden.
Zeigt sich dann, daß der genaueste Radixaspekt (Konjunktion/Opposition/Quadrat) in einer aktuellen Krise durch einen „harten“ Transit von Saturn, Neptun, Uranus, Pluto oder dem Mondknoten transitiert wird, dann ist das Thema eigentlich schon identifiziert. Ist dieses Thema zudem noch mit weiteren harten Aspekten verknüpft ist man der Sache auf der Spur.
Die durch die Horoskopfaktoren symbolisierten Lebensthemen/Bereiche sind identifiziert und man/frau kann sie jetzt genauer unter die Lupe nehmen und überlegen, welche Teile davon neu arrangiert werden müssen. Falls das überhaupt möglich ist.
Ich sagte bereits: eigentlich ist es ganz einfach.
Eigentlich.
Aber warum sich die Sache einfach machen, wenn es auch kompliziert geht? In jedem Radix finden sich mehrere Aspekte gleichzeitig, mit unterschiedlichem Orbis. Das gleiche gilt für Transite.Einige sind gerade exakt, andere bilden den genauen Aspekt erst in in paar Wochen u.s.w..
Insgesamt ergibt sich eine Fülle von Faktoren, die sich in ihrer Deutung teilweise ergänzen oder auch widersprechen können.
Und dabei geht es hier nur um die sogenannten Hauptaspekte und die klassischen Planeten. Mit weiteren Nebenaspekten, Halbsummen, neu entdeckten Himmelskörpern lassen sich mühelos noch weitere Faktoren ins Spiel bringen.
Für Astrologen, die sich mehr für Astrologie als für ihre Klienten interessieren ist das optimal; der Ratsuchende wird mit einer Vielzahl von Deutungsmodellen überschüttet und sieht vor lauter Fachbegriffen sich selbst nicht mehr. Das ist exakt das, was Kritiker der Astrologie unter dem Barnum-Effekt verstehen: Für jeden etwas – oder in diesem Fall: Viel hilft viel, bei irgendeiner Erläuterung wird der Klient schon zustimmend nicken und sagen: Ja-ja, genau das ist es!.
Anschließend brummt dem Klient der Kopf und sie verlassen die Praxis verwirrter als vor der Beratung. Wenigstens haben sie das Gefühl, daß sie von jemanden ein, zwei Stunden ernst genommen wurden. Zu dumm, daß sie erst noch ein paar Astro-Kurse belegen müssen, um die ganzen Details und Fachbegriffe auch wirklich zu verstehen.
Der Astrologe dagegen kann sich entspannt zurücklehnen, immerhin hat er wieder einmal beweisen, daß er auch das klitzkleinste Detail berücksichtigt hat und meisterhaft alles aus seiner Astro-Software rausgekitzelt hat.
Das ist einiges: Radixhoroskop berechnen, Aspekte, Häuser, Planetenstellung, Transite berechnen, Direktionen und Progressionen, dazu noch ein Solar, das ganze mit Fixsternen, Asterioiden, Transneptuniern, Halbsummen…irgendwann sieht man vor lauter Horoskopfaktoren das Problem nicht mehr. Der ratsuchende Klient als Gast im großem Kopfkino, wo der allwissende Astro-SpinDoc spielerisch immer neue Kaninchen aus seinem Horoskop-Zylinder zaubert.
Aber…vielleicht ist es ja genau das, worum es bei der Super-Barnum-Astrologie geht: Das Problem einfach solange mit Hinweisen, Andeutungen und spekulativen Horoskopfaktoren zumüllen, bis sicher gestellt ist, daß der Klient die einfachsten und prägnantesten astrologischen Hinweise übersieht:
Den Transit der aktuell am exaktesten wirkt, die Radix-Konstellation die am ausgerägtesten ist – sei es durch exakte Aspekte oder Zeichenbetonung. Wenn dann beide Faktoren zusammenkommen, und sich vielleicht noch durch etwas weitere Orben komplexe Spannungsmuster (evtl. ein “großes Kreuz”) ergeben, dann sollte es doch klingeln….
Das ist der eigentliche Trick an der Astrologie und gleichzeitig ihr wertvollstes Mysterium: In astrologisch interessierten Kreisen kann gerade die ausufernde Beschäftigung mit Astrologie das Medium sein, mit der auf subtile Weise dem Klienten sein Grundproblem symbolisiert wird:
Verloren in den wortreich aufgeblähten virtuellen Gedankensystemen gelangt der Klient irgendwann zu dem Punkt, wo er sich verwirrt vom astrologischen Kopfkino verabschiedet, wieder auf sein Leben schaut und dort - mitten im Alltag mit all seinen zahlreichen Facetten - endlich „sein“ persönliches astrologisches Muster wiederfindet
Und jetzt die naheliegende Frage: Wie findet man das Kernthema?
Mein Vorschlag:
(1) Welche Aspekte sind im Radix am exaktesten?
(2) Werden die beteiligten Planeten durch aktuelle Transite ausgelöst?
(3) Welcher der beteiligten Transite wirkt aktuell am exaktesten?
Es klingt banal, aber im Grunde könnten viele Beratungen mit den einfachen bewährten klassischen astrologischen Techniken viel schneller auf den Punkt kommen, der/die Ratsuchende könnte das Horoskop zur Seite legen, sich freundlich vom Astrologen verabschieden und in aller Ruhe anfangen nachzudenken, anstatt sich tiefer in einem Labyrinth abstraker Symbolismen zu verirren.